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[Finanzmarktkrise]: überschwappen auf die Realwirtschaft

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LN4ever:
Mit so viel Naivität gesegnet, wird der letzte Satz des vorherigen Beitrags höchstens für diejenigen in Erfüllung gehen können, die heute bereits zu der "Generation Lifta" zählen.

Die Beinahe-Weltfinanzkrisen sind kaum in die Öffentlichkeit getragen worden. Ein Beispiel, das übrigens für die Entsstehung der heutigen Finanzkrise auch Hilfestellung geleistet hat, ist der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM (http://de.wikipedia.org/wiki/Long-Term_Capital_Management), bei dem es "nur" um 1,25 Billionen $ ging. Ich erwähne diesen Fall nicht zuletzt deshalb, weil einer der Hedgefonds-Gründer Wirtschaftsnobelpreisträger 1997 war, der sein Versagen vermutlich auch nur mit einem "Die Abweichung von der Theorie zur Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie" begründen kann.

Wir sind aber längst nicht mehr da. Vor 10 Jahren konnten die Parasiten einzelne Unternehmen und Banken in die Pleite treiben, heute sind es bereits ganze Staaten. Mindestens 40 Hedge-Fonds versuchen aktuell, aus dem drohenden Staatsbankrott von Island Kapital zu schlagen. Und die nächsten Kandidaten auf der Liste der auf Untergangswetten lautenden Staaten heißen Ungarn, Ukraine und Schweiz.

Ja, richtig gehört: Schweiz. Die 68 Mrd Franken für das Rettungspaket der UBS sind weit mehr - gemessen am BIP - als die 700 Milliarden US$ der USA. Das Problem der Schweiz besteht nämlich darin, daß die UBS ohne weiteres ohne die Schweiz auskommen kann, aber die Schweiz nicht ohne die UBS.

Die "kleine Gier" vieler, ihr Geld vor der Steuer zu retten, muß der "großen Gier" Platz machen, die das vernichten wird. Liechtenstein wird vermutlich im Moment noch "angefüttert", um in der Sprache der Hasardeure zu bleiben.

Die Besonderheit bei der Vernichtung von sog. Steueroasen liegt in dem pikanten Umstand, daß man mit vergleichsweise geringen Entschädigungsklagen der Opfer zu rechnen hat. Und das Bankgeheimnis, auf das diese Länder so stolz sind, schützt jeden, der es ausnutzt - eben auch die Täter, die sich das Land einverleiben. Das ist einkalkuliert.

Immer noch neoliberal ? Einfach weiter so ? Reicht uns vielleicht auch eine Selbstverpflichtung ? Oder muß es doch etwas mehr sein ? Geschnitten oder am Stück ?

Gruß

Norbert

Gandhi:
Ich finde nicht, dass das Fehlen von Regeln liberal ist. Das ist dumm.
Liberal ist, aus meiner Sicht, wenn der Staat nicht selbst als Wirtschaftsindividuum auftritt, was ich nach wie vor aufgrund von Fällen wie der IKB, KFW, WestLB, HeLaBa, .... für sehr sehr klug und richtig halte.
Aber davon, dass der Staat keine Regeln aufstellen soll, hat glaube ich zumindest hierzulande noch kein ernstzunehmender Liberale gesagt. Die Liberalen wollen nicht keinen Staat, sondern einen schlanken Staat. Ansonsten wärs Anarchie.

Ansonsten gilt es wie immer die Freiheit der Einzelnen voreinander zu schützen.
Sinnvolle Regeln, die dem Markt gefehlt haben wären aus meiner Sicht zum Beispiel:
-Schulden dürfen nur unter sehr speziellen Bedingungen verkauft werden (z.B. Transparenz - wer hat die Schulden eigentlich)
-Nicht jeder, der ein Konto hat, darf auch jedes Finanzmarktprodukt kaufen (70 jährigen Unbedarften Hedgefunds zu verkaufen halte ich für nicht in Ordnung)
-Leerverkäufe darf ich nur machen, solange ich den Betrag mit echtem Geld decken kann
-Bezahlung von Mitarbeitern durch Optionen verbieten
-Bezahlung von Mitarbeitern durch Aktien nur, wenn die eine gewisse Zeit gehalten werden müssen (ist eigentlich auch so üblich)

Und die Lösung aller Probleme: Wenn ich Aktien schneller als nach einem Monat wieder verkaufe zahle ich eine Straftransaktionsgebühr.

Das sind alles Dinge, die ich nicht als unliberal empfinde. Den Markt gestalten für den Staat sollte heißen die Regeln zu definieren und zu überwachen - und nicht mitzuspielen. Markt schließt bestimmte strategische Bereiche durchaus aus.

koehlerbv:

--- Zitat von: LN4ever am 16.10.08 - 09:06:13 ---Die Intervention der Staaten scheint notwendig. Aber eine Gesellschaft, die dort mit ihrem Gesellschaftsvermögen haftet (das ist nichts anderes als das Vermögen von jedem Einzelnen von uns), hat nicht nur das Recht, sondern auch die Pflicht, diese Haftung steuernd einzusetzen.
--- Ende Zitat ---

Das ist genau der Punkt und hat mit Liberalität etc. gar nichts zu tun tun: Hier geht es nicht nur um unser Geld, sondern um unsere Lebensumstände (und eigentlich sogar darum, was wir mit diesen ganzen zig Billionen eigentlich machen könnten).

Vor zwei oder drei Tagen sagte ein gestandener Bank-Profi (keine wörtliche Wiedergabe!): "Vor einigen Jahren waren wir noch Dienstleister der Realwirtschaft - heute verkommt die Realwirtschaft zu einem Nebenschauplatz des Finanzmarktes." Der Mann schüttelte sich dabei förmlich, und genauso geht es mir: Es platzt schon der Kragen bei dem Begriff "Realwirtschaft". Nur dort wird realer Mehrwert geschaffen!!

Die Legislative (unsere Stellvertreter) müssen jetzt eingreifen, und zwar nicht nur symbolisch. Im letzten Jahrhundert ist das ja schon mehr als einmal passiert, nur hat man daraus wohl auch in gelehrten Kreisen nichts gelernt.

Wenn es um "verlorene" Milliarden geht, scheint man auch nicht gelernt zu haben, auf die zu zeigen, bei denen diese Milliarden gelandet sind. Keiner von den Milliardären hat soviel geleistet, dass es sein Vermögen rechtfertigen würde - alle haben die Dummheiten anderer ausgenutzt. Auch ein Bill Gates hat sein Geld nicht mit seinen Ideen für / mit Microsoft gemacht - bestenfalls spiegelt sein Vermögen die Wetten vieler Leute dar, was Microsoft (und seine Aktien) wert sein könnte.

Ein Musterbeispiel ist Russland: 1991 ein Volk von valutamässigen Habenichtsen, und heute haben dort etliche Leute Geld bis zum Abwinken. Russland spiegelt in krasser Form wider, was genauso für Europa und die USA gilt.

Die erste Massnahme, die aus meiner Sicht und wegen der Verwendung meines Geldes (und ich bin ein guter Steuerzahler!) getroffen werden sollte: Ab sofort (!) haften diese Manager genannten Personen, die die persönlich haftenden Firmeneigentümmer zu einer aussterbenden Rasse gemacht haben, für eigene Fehler mit ihrem eigenem Vermögen. Sie mögen dann bei Erfolg auch gut verdienen - solange eine von der zum Mehrwert beitragenden Masse verstandene Relation eingehalten wird. Da hier Kreis A Kreis B bedient und vice versa, kannt das offensichtlich nur noch gesetzlich zu regeln sein.

Vor allem aber ist die Finanzmarktszene auf ihre wahre Bedeutung zu stutzen und die Mehrwert produzierende Szene zu unterstützen. Wenn man sehen will, wie schief, wie krank das ganze System ist, ist schon der Blick auf den Rohölmarkt erhellend: In reichlich einem Jahr ist der Rohölpreis um mehr als 100% in die Höhe geschossen (und in wenigen Tagen ebenso wieder gefallen). Bei aller Wut unsererseits: Haben wir das an den Benzinpreisen nachvollziehen können? Nein, konnten wir nicht. Wir hatten Sprünge von 1,20 bis auf 1,55 EUR (für die Freunde östlich des Walserberges und zur Erläuteruung vieler meiner Tankquittungen: 0,95* bis 1,35 EUR). Was hatte das mit Preissteigerungen von unter 70 auf rund 150 EUR für das Barrel Rohöl zu tun? Richtig, es ist krank und nicht nachzuvollziehen.

Bernhard

*) Manchmal mag ich es selber nicht glauben, wenn ich es nicht schwarz auf weiss hätte - vor nur anderthalb Jahren habe ich an einer Tankstelle an der Donau-Bundesstrasse B3 zwischen Krems und Linz noch 96 Cent für einen Liter Superbenzin bezahlt.

flaite:

--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Mit so viel Naivität gesegnet, wird der letzte Satz des vorherigen Beitrags höchstens für diejenigen in Erfüllung gehen können, die heute bereits zu der "Generation Lifta" zählen.

--- Ende Zitat ---
Für dich ist es Naivität. Ich nenne es Optimismus. Ich denke einige Mitglieder dieses Forums leben ganz gut in einem marktwirtschaftlichen System ... und die Alternative sehe ich ehrlichgesagt nicht ... im Gegenteil werden sogar gewisse großsprecherische und vom Neuen Deutschland / Junger Welt hochgejubelter de facto Diktatoren zwischen Rio Grande und Patagonien als erstes von dieser Krise hinweggefegt werden.

--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Die Beinahe-Weltfinanzkrisen sind kaum in die Öffentlichkeit getragen worden. Ein Beispiel, das übrigens für die Entsstehung der heutigen Finanzkrise auch Hilfestellung geleistet hat, ist der Zusammenbruch des Hedge-Fonds LTCM

--- Ende Zitat ---
Die Krise und die "Beinahe-Krise" gehört zur Marktwirtschaft wie Angebotsengpässe, Unterentwicklung und Unterdrückung zum Sozialismus. Ich präferiere ersteres.


--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Ich erwähne diesen Fall nicht zuletzt deshalb, weil einer der Hedgefonds-Gründer Wirtschaftsnobelpreisträger 1997 war, der sein Versagen vermutlich auch nur mit einem "Die Abweichung von der Theorie zur Praxis ist in der Praxis größer als in der Theorie" begründen kann.

--- Ende Zitat ---
Ist doch demokratisch, wenn selbst sehr fachkundige Menschen scheitern können.

--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Wir sind aber längst nicht mehr da. Vor 10 Jahren konnten die Parasiten einzelne Unternehmen und Banken in die Pleite treiben, heute sind es bereits ganze Staaten. Mindestens 40 Hedge-Fonds versuchen aktuell, aus dem drohenden Staatsbankrott von Island Kapital zu schlagen.

--- Ende Zitat ---
Das ist kompletter Unsinn. Die demokratisch gewählte Regierung Islands hat sich freiwillig zu dem sehr risikoreichen Spiel entschlossen. Island ist in diesem Prozess sehr reich geworden. Im Augenblick verliert der Kapitalmarkt an Island. Der Begriff "Parasit" ist in diesem Zusammenhang auch mehr als problematisch. Diese Leute arbeiten im Rahmen gültiger Gesetze. Natürlich muß der Regulierungsrahmen geändert werden. Und er wird auch geändert. Untergangsphantasien des Kapitalismus hat es vor allem seit Karl Marx immer gegeben. Realistisch waren sie insgesamt nie.


--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Ja, richtig gehört: Schweiz. Die 68 Mrd Franken für das Rettungspaket der UBS sind weit mehr - gemessen am BIP - als die 700 Milliarden US$ der USA. Das Problem der Schweiz besteht nämlich darin, daß die UBS ohne weiteres ohne die Schweiz auskommen kann, aber die Schweiz nicht ohne die UBS.

--- Ende Zitat ---
Deine Untergangsphantasien in Gottes Ohr. Untergehen wird der fette Mann in Miraflores.

--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Die "kleine Gier" vieler, ihr Geld vor der Steuer zu retten, muß der "großen Gier" Platz machen, die das vernichten wird. Liechtenstein wird vermutlich im Moment noch "angefüttert", um in der Sprache der Hasardeure zu bleiben.

--- Ende Zitat ---
Ja. Ja. Es gibt eine Gruppe in weißen Kitteln, die alles steuert.

--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Die Besonderheit bei der Vernichtung von sog. Steueroasen liegt in dem pikanten Umstand, daß man mit vergleichsweise geringen Entschädigungsklagen der Opfer zu rechnen hat. Und das Bankgeheimnis, auf das diese Länder so stolz sind, schützt jeden, der es ausnutzt - eben auch die Täter, die sich das Land einverleiben. Das ist einkalkuliert.

--- Ende Zitat ---
Ich bin sehr dafür, dass die EU nun gegen die Schweizer Bankengesetzgebung losschlägt. Da besteht in unserem Globalisierungssturm einfach Regulierungsbedarf.

--- Zitat von: LN4ever am 17.10.08 - 19:20:58 ---Immer noch neoliberal ? Einfach weiter so ? Reicht uns vielleicht auch eine Selbstverpflichtung ? Oder muß es doch etwas mehr sein ? Geschnitten oder am Stück ?

--- Ende Zitat ---
Ich bin nicht "neoliberal" sondern hab im Gegenteil eine ziemlich differenzierte Meinung zu wirtschaftspolitischen Themen. Ich verstehe mich da übrigens auch im Einklang mit der Mehrheitsmeinung der Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland. Wenn es in gewissen Gegenden unserer Republik Mehrheiten gibt, die das für doof halten, sollten sie zumindest die Konsequenz ziehen und sich um eine Separation bemühen.

flaite:

--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Das ist genau der Punkt und hat mit Liberalität etc. gar nichts zu tun tun: Hier geht es nicht nur um unser Geld, sondern um unsere Lebensumstände (und eigentlich sogar darum, was wir mit diesen ganzen zig Billionen eigentlich machen könnten).

--- Ende Zitat ---
Man kann aber das potentielle Risiko solcher Krisen in einer marktwirtschaftlichen Ordung allenfalls minimieren, niemals ganz ausschliessen. In Sachen Minimierung dieser Risiken ist auf den Finanzmärkten in den letzten Jahren bis Jahrzehnten zu wenig passiert.
Chile ist übrigens ein Beispiel für ein Land, in dem ein extrem unterregulierter Finanzmarkt unter marktwirtschaftlichen Bedingungen in einen regulierteren Finanzmarkt überführt wurde. Nach der Krise 1982/3. Seitdem hat es in dem Land aus sehr bescheidenen Verhältnissen heraus eine insgesamt sehr positive Entwicklung gegeben. In vielerlei Hinsicht: Demokratie, Wirtschaft, Ausbildung, Rechtsstaatlichkeit.


--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Nur dort wird realer Mehrwert geschaffen!!

--- Ende Zitat ---
Wieso? Das Finanzsystem deckt doch Bedürfnisse. Z.B. intertemporaler Konsum. Ich will mir jetzt ein Haus kaufen, hab dafür zuwenig Geld und das Finanzsystem kanalisiert Mittel von Leuten, die jetzt auf Konsum verzichten wollen (um später mehr zu haben) zu mir, der nun mehr Geld benötigt als er verdient. Just for the record: Ich will mir kein Haus kaufen. Das war hypothetisch.
Ausserdem kann ich jetzt auf Konsum verzichten und das Finanzsystem bietet mir an, dass ich Teile meiner Mittel an Investoren übergeben kann. Ich partizipiere dann an deren Gewinnen. Das ganze ist natürlich nicht ohne Risiken und ich muß deshalb zu den richtigen Zeitpunkten ein- und aussteigen.

--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Die Legislative (unsere Stellvertreter) müssen jetzt eingreifen, und zwar nicht nur symbolisch. Im letzten Jahrhundert ist das ja schon mehr als einmal passiert, nur hat man daraus wohl auch in gelehrten Kreisen nichts gelernt.

--- Ende Zitat ---
Wieder: Völlig ausschliessen kann man solche Risiken nicht. Sie lassen sich minimieren.

--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Wenn es um "verlorene" Milliarden geht, scheint man auch nicht gelernt zu haben, auf die zu zeigen, bei denen diese Milliarden gelandet sind. Keiner von den Milliardären hat soviel geleistet, dass es sein Vermögen rechtfertigen würde - alle haben die Dummheiten anderer ausgenutzt. Auch ein Bill Gates hat sein Geld nicht mit seinen Ideen für / mit Microsoft gemacht - bestenfalls spiegelt sein Vermögen die Wetten vieler Leute dar, was Microsoft (und seine Aktien) wert sein könnte.

--- Ende Zitat ---
Ich präferiere ein System, in dem ein paar Leute reich werden, gegenüber einem System, in dem sich Politiker darum bemühen, eine wirklich gerechte Welt zu schaffen. Ein solches Ziel hat in der Geschichte immer in eine Diktatur geführt.

--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Ein Musterbeispiel ist Russland: 1991 ein Volk von valutamässigen Habenichtsen, und heute haben dort etliche Leute Geld bis zum Abwinken. Russland spiegelt in krasser Form wider, was genauso für Europa und die USA gilt.

--- Ende Zitat ---
Der Gini Koeffizient mißt die Verteilung des Einkommens auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen. Da steht Europa (inklusive Mittelosteuropa, btw.) sehr gut und die USA naja, nicht so gut da. In weiten Teilen Asiens und v.a. in Lateinamerika sieht das viel übler aus. Wobei in marktwirtschaftlicheren Ländern wie Chile und Brasilien in Sachen Armutsbekämpfung und nachhaltiger, v.a. auch ausbildungsgestützter Mittelstandsverbreiterung viel bessere Erfolge erzielt werden, als Länder, in denen gewisse verrücktgewordene Diktatoren mit linker Rhetorik herschen.

--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Die erste Massnahme, die aus meiner Sicht und wegen der Verwendung meines Geldes (und ich bin ein guter Steuerzahler!) getroffen werden sollte: Ab sofort (!) haften diese Manager genannten Personen, die die persönlich haftenden Firmeneigentümmer zu einer aussterbenden Rasse gemacht haben, für eigene Fehler mit ihrem eigenem Vermögen. Sie mögen dann bei Erfolg auch gut verdienen - solange eine von der zum Mehrwert beitragenden Masse verstandene Relation eingehalten wird. Da hier Kreis A Kreis B bedient und vice versa, kannt das offensichtlich nur noch gesetzlich zu regeln sein.

--- Ende Zitat ---
Haftest du uneingeschränkt für eventuelle Fehler deiner Software. Auch eventuell Teile, die du nicht verantworten kannst? Wie z.B. Fehler, die durch einen Release-Bug von Lotus Domino verursacht werden. Es ist sehr schwer, gesetzlich auseinanderzuklamüsern was durch Management-Fehler verursacht ist und was durch äußere Einflüße. Und darüber hinaus dürfen doch Werktätige auch Fehler machen dürfen? Viele Fortschritte wurden doch nur dadurch erzielt, dass die Spielregeln der Gesellschaft die Risiken für eh schon risikobereite Leute eher senkten. Wieviel Fehler wurden über die Jahre denn bei z.B. Daimler und BMW gemacht? Und trotzdem sind die Autos insgesamt ziemlich beliebt. Nur hat diese gesellschaftliche Haftung für Risiken eben auch Grenzen. Deshalb bin ich für mehr Regulationen auf den Finanzmärkten. Bin ja ziemlich Schwellenländer interessiert mit einem Schwerpunkt auf Lateinamerika. Und das ist durch über die Jahre offene und erstaunlich haltbare Freundschaften unterfüttert. Dort hat es Finanzkrisen mit für die Bevölkerung viel katastrophaleren gegeben und meine Freunde gehören nicht der Oberschicht an, die dagegen eher immun ist. Und nun hat es uns gringos getroffen. No somos perfectos nosotros los gringos, cierto?  (wir sind eben auch nicht perfekt). Und jeder Versuch, eine Perfektion anzustreben, würde in eine Diktatur führen. Aus der Erfahrung dieser Krisen ergibt sich für mich btw. eher der Schluß, dass eine Finanzmarktkrise eben auch nicht so heiß ausgelöffelt wird wie zur Zeit Hierzulande einige zu denken scheinen.

Natürlich kann der Staat gewisse Anreize für Investitionen geben. Ich find z.B. unsere Unterstützung  für Energie-Einsparung und regenerative Energien insgesamt ok. Nur kann ein Staat VERDAMMT, VERDAMMT, VERDAMMT noch mal nicht hingehen und mit dem Rechenschieber nachrechnen, wieviel "Mehrwert" (ein Begriff eines obskuren Publizisten aus dem 19. Jhdt, btw) irgendwelche Handlungen nun erzeugen. Das läuft einfach nicht. Es gab sehr viele Versuche solche "gerechten" Systeme aufzubauen. Genau an diesen massiven Eingriffen in die relativen Preise ist die DDR zugrunde gegangen. Und Indien vor 92, China unter Mao, Viet Namh vor der Öffnung der 90er, Argentinien unter Peron, Chile unter Allende, Mexiko 1982, Peru unter Alan García in den 80ern, Brasilien in den frühen 60ern, Nicaragua unter Ortega und und und.
Ich bin insoweit nicht-liberal, dass ich an Marktunvollkommenheiten glaube. Bin da wirklich nicht in einer Linie mit hardcore-Libertären sondern eher so Krugman und Stiglitz. Staatliche Anreize können funktionieren. Ausserdem müssen in vielen Märkten staatliche Regulierungen her, um Marktunvollkommenheiten auszugleichen. ABER FREAKING NICHT um ein "gerechtes" System zu generieren. Sondern um Bereiche zu unterstützen, in der in der Zukunft viele Bimbes zu erwarten sind. Da muss natürlich ständig hinterfragt werden, ob die Investitionen wirklich Sinn machen. Wieviel ist in den letzten 200 Jahren über Entwicklungs-Ökonomie geschrieben worden? Ich hab ganze Regale voll von dem Zeug und viel hab ich weggeschmissen.
And The Winner is?
Südkorea. Ein in den 50ern bitterarmes, unterentwickeltes Reißbauernland, das lange Zeit von einer Militärjunta beherrscht wurde mit den genretypischen regelmässigen Studentenprotesten. Südkorea ist nun ein hochentwickeltes und hochgebildetes Land mit einer Menge Wohlstand und einer Demokratie. Will damit nicht sagen, dass ich irgendwie für Militärdiktaturen wäre. Überhaupt nicht. Hab mich durch eine Menge Berichte von Menschenrechtsorganisationen gelesen. Die Südkoreaner hatten aber im rein wirtschaftlichen Bereich ein sehr gut funktionierendes System. Und das beruhte weder auf freien Märkten noch auf komplexen Gerechtigkeitsspekulationen darüber wer welchen "Mehrwert" erzeugt. Die haben darauf geachtet, welche Dinge in Zukunft viel Bimbes versprechen, sich darin Mühe gegeben (inklusive staatlicher Mittel) und haben das permanent überwacht. Wenn sich was als Fehlkalkulation abzeichnete, wurden die Mitte direkt gestrichen, ohne großes mitfühlendes Palaver a la Gestalten wie Peter Sodann. Natürlich kann man das nicht 1 zu 1 auf die Bundesrepublik anwenden. Aber die Richtung stimmt aus meiner Sicht.


--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---und die Mehrwert produzierende Szene zu unterstützen.

--- Ende Zitat ---
Wie oben gezeigt, erfüllt der Finanzmarkt eben auch Bedürfnisse. Der Regulierungsrahmen kann verändert werden. Diese Reformen haben übrigens die ach so chaotischen Latino-Regierungen von Brasilien und Chile vor Jahren durchgefüht. Eben weil deren Erfahrung einer Finanzmarkt-Katastrophe relativ frisch war. Unsere letzte lag 75 Jahre zurück. Übrigens hat eine gewisser Regierung, deren Präsident immer im roten Hemd auftritt, existierende Sparfonds für Zeiten hoher Rohstoffpreise in einem gewaltigen Ausmaß ausgeplündert und im Zuge seiner Komödian eh Regierungstätigkeit die Abhängigkeit von dem einen Exportprodukt unverantwortlich erhöht.


--- Zitat von: koehlerbv am 18.10.08 - 00:38:35 ---Wenn man sehen will, wie schief, wie krank das ganze System ist, ist schon der Blick auf den Rohölmarkt erhellend: In reichlich einem Jahr ist der Rohölpreis um mehr als 100% in die Höhe geschossen (und in wenigen Tagen ebenso wieder gefallen). Bei aller Wut unsererseits: Haben wir das an den Benzinpreisen nachvollziehen können? Nein, konnten wir nicht. Wir hatten Sprünge von 1,20 bis auf 1,55 EUR (für die Freunde östlich des Walserberges und zur Erläuteruung vieler meiner Tankquittungen: 0,95* bis 1,35 EUR). Was hatte das mit Preissteigerungen von unter 70 auf rund 150 EUR für das Barrel Rohöl zu tun? Richtig, es ist krank und nicht nachzuvollziehen.

--- Ende Zitat ---
Wieso? Der volatile Rohölpreis sendet doch ein insgesamt gesundes Signal an die Marktteilnehmer. Die Erdölvorräte sich endlich. Ausserdem besteht das Risiko von Klimakatastrophen durch zu viel CO2 Emission. Ausserdem erzielen Riesenarschlöcher in Nigeria, Iran und einem gewissen Land am Orinoco gewaltige windfall profits aus dem Erdölgeschäft. Die Volatilität des Ölpreises gibt unserer Wirtschaft das Signal, nach Alternativen zu suchen. Eine gute Sache. Krank ist anders.
Im übrigen ist die Mineralölsteuer relativ fix. Dies dämpft die Preisausschläge des Erdölpreises für den Endverbraucher. Im übrigen werden die Erdölpreise in Dollar angegeben und an der Tankstelle zahlen wir Euro und der Dollar hat sich im letzten Jahr stark prozyklisch zum Ölpreis bewegt. Auch dies federte die Preisausschläge etwas ab.

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