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Steuererleichterungen in der Praxis...
Marinero Atlántico:
Marco,
mir ist das zu einfach oder auch zu ideologisch.
Ein Grund, warum ich die Reformdebatte medial-perzeptiv boykottiere ist, dass da ständig irgendwelche lachenden Gesichter auftreten, die mit simpel Argumenten erklären wollen, dass alles eigentlich ganz einfach ist.
Ich bin absolut für einen Komplexitätsabbau in Verwaltungsprozessen und für eine Förderung des Leistungsprinzips. Aber man kann das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Progressive Steuersätze auf Arbeitseinkommen sind an sich nichts schlechtes.
Ausserdem ist das ein Gesamtsystem.
Wenn die Mehrwertssteuer erhöht wird - was ich seit Jahren befürworte - belastet das schon die einkommensschwächeren relativ stärker, da die MwSt keine progressive Komponente enthält.
Nun also noch die Einkommenssteuern angleichen?
Skandinavische Länder fahren recht gut mit einem System, in dem Arbeitseinkommen stärker und progressiver als bei uns besteuert werden. Dagegen werden dort Kapitaleinkünfte weniger stark besteuert (um Investitionen zu atrahieren). Das funktioniert relativ gut.
Und ständig bei Kritik am Management mit "Neid"-Debatte zu kommen, finde ich inzwischen auch ein bischen kindisch. Hätte die Aktionärsversammlung von Daimler die Möglichkeit Personalentscheidungen zu treffen, wäre Schrehmp längst seinen Job los.
Wir wissen alle, dass in Unternehmen wie Daimler nicht nur der Leistungsgedanke gilt, sondern dass da eben auch Seilschaften eine Rolle spielen. Man muß Unternehmen nicht verherrlichen. Der Vorteil von Unternehmen ist jedoch, dass Fehler wesentlich schneller in ihren Auswirkungen sichtbar werden als in der Politik, wo man viele Probleme auf die lange Bank schieben kann, ohne dass das Land liquidiert wird (s. Renten).
Ich bin für einen Rückbau und eine Entkomplizierung des Sozialsystems. Ich bin dafür, dass sich Arbeit lohnt. Ich könnte z.B. wahnsinnig werden, wenn ich mir einen coolen Marken-Kühlschrank bei einem Weiße-Ware Discounter kaufe und vor mir in der Schlange sind 3 body building gestählte Typen, die alle per Formular vom Sozialamt bezahlen (sicher das Ergebnis eines komplexen Verwaltungsprozesses) und ich dann mit *real money*. Die looser kaufen sich dann natürlich keinen Qualitätskühlschrank sondern ein Teil mit sehr viel Schnickschnack, dass aber schlechter kühlt und in 3 Jahren hinüber ist. Ist denen ja auch egal. Die bezahlens ja auch nicht.
Nur kann man eben ein Sozialsystem nicht einfach ganz abschaffen. Ausserdem braucht der Staat ja für die anderen Aufgaben auch Geld. Progressive Steuersätze auf Arbeitseinkommen finde ich deshalb nicht so schlecht.
Axel
Gandhi:
Hallo Axel,
1.
--- Zitat ---Hätte die Aktionärsversammlung von Daimler die Möglichkeit Personalentscheidungen zu treffen, wäre Schrehmp längst seinen Job los.
--- Ende Zitat ---
Selbstverständlich hat die Aktionäresversammlung die Möglichkeit Personalentscheidungen zu treffen: Sie wählt den Aufsichtsrat, der wiederum den Vorstand bestimmt oder abbestellt. Und wenn die Aktionäre von Daimler mehrheitlich der Meinung gewesen wären, dass Schrempp gehen muss, wäre er gegangen. Da gibt es keine Frage. Dass es innerhalb der Deutschland AG unschöne Verstrickungen gibt, ist zwar richtig, trifft jedoch gerade bei Daimler schon lange nicht so zu - da sind Großaktionäre z.B. aus den Emiraten Dubai oder der USA, die - ähnlich wie gerade bei der deutschen Börse geschehen - sehr wohl in der Lage sind, Aufsichträte und Vorstände zu entlassen, wenn es ihnen opportun erscheint.
2.
--- Zitat ---Progressive Steuersätze auf Arbeitseinkommen sind an sich nichts schlechtes.
--- Ende Zitat ---
Ich habe nie was anderes behauptet - allerdings ist ein Spitzensteuersatz von ca. 50% definitiv nicht tragbar. Hatte neulich ein Gespräch mit einem Bekannten aus GB (haben einen Spitzensteuersatz von ca. 35, wenn man 500000 Euro oder so verdient), der mir das erst gar nicht glauben wollte und dann direkt fragte, wie dann in Deutschland Leute zur Spitzenleistung motiviert werden. Da ich selbst schon vor so einer Steuererklärung gesessen habe, weil ich definitiv zu viel gearbeitet und zu wenig Geld verschoben habe, weiß ich, dass ich garantiert nicht noch mal in so eine Position kommen werde - weil ich entweder weniger arbeiten oder mehr verschieben (legal) werde. Ich denke, ich bin da kein Einzelfall...
Drastischer noch bei der Unternehmungsbesteuerung: Deutschland ist Exportweltmeister. Irland ist Europameister im pro-Kopf Export. Irland? Was produzieren die denn? Eigentlich nicht so viel. Ein Fallbeispiel:
Eine Firma produziert Maschinen in Deutschland. Schrauben kauft sie von einer irischen Tochter, den Vertrieb übernimmt eine weitere irische Firma. Die deutsche Mutter kauft ein Kilo Schrauben für 10000 Euro und verkauft die Maschine für 10001 Euro an die Vertriebstochter, die die Machine für 20000 verkauft.
Gewinn in D: 1 Euro - Produktionskosten (=fette Verlustabschreibung) Gewinn in Irland: annähernd 20000 Euro - die dann zu deutlich geringeren Sätzen als in D versteuert werden.
Wir lernen: Globaler Wettbewerb bedeutet auch Wettbewerb der Steuersysteme (es sei denn wenigstens die EU brächte es zu einer Harmonisierung - was ich für sehr unwahrscheinlich halte) - und da kann D nicht mal in Europa mithalten.
3.
--- Zitat --- Nur kann man eben ein Sozialsystem nicht einfach ganz abschaffen
--- Ende Zitat ---
Nein, ganz bestimmt nicht. Ein Sozialsystem, dass Leute auffängt und wieder aufrichtet ist ganz bestimmt unabdingbar und für die Gesellschaft von höchster Wichtigkeit. Ich bin aber der Meinung, dass das derzeitige Sozialsystem kein Sozialsystem in diesem Sinne ist, sondern ein Umverteilungssystem von fast sozialistischem Ausmaß ist.
4.
--- Zitat ---Ausserdem braucht der Staat ja für die anderen Aufgaben auch Geld
--- Ende Zitat ---
Ja, nur sollte er sich eben überlegen, was seine Aufgaben sind und vor allem, ob er überall dort wor er zur Zeit ist auch hingehört. Und hier bin ich der Meinung, dass er an Orten agiert, an denen er nichts verloren hat (s.z.B. Holzmann-Beteiligung u.ä.)
5.
--- Zitat ---mir ist das zu einfach oder auch zu ideologisch.
--- Ende Zitat ---
Das ist einfach eine Mischkalkulation. Zuviel Freiheit ist auch nicht gut, klar. Nur wenn ich 10 m mehr Bewegungsspielraum will muss ich hierzulande einfach nach 100 rufen. Daher der Ton. Ideologisch finde ich das ganze trotzdem nicht. Eine Ideologie stellt ein Ideal (z.B. Gleichheit, Freiheit, ....) über die Realität, bzw. will die Realität an einem Ideal ausrichten. Ich sehe, dass der Realität Freiheit fehlt - ohne, dass Freiheit für mich einen übersteigerten Wert hätte, gehe also - meiner Wahrnehmung nach, von der Realität und nicht der Idealität aus. An sich finde ich die Idee der Gleichheit und Gerechtigkeit für sehr schön (wie auch die Freiheit) - halte sie aber für unerreichbar.
Marinero Atlántico:
--- Zitat von: Gandhi am 30.05.05 - 12:28:05 ---Sie wählt den Aufsichtsrat, der wiederum den Vorstand bestimmt oder abbestellt.
--- Ende Zitat ---
Ob das in der Praxis so einfach ist... Der Wechsel eines Vorstands geht schliesslich nicht ohne Erschütterungen von statten. Der neue Vorstand soll intern akzeptiert werden... oder man entscheidet sich eine Bombe in die Organisation zu schmeissen (was auch möglich ist und unter gewissen Umständen sicher nicht dumm).
--- Zitat ---Ich habe nie was anderes behauptet - allerdings ist ein Spitzensteuersatz von ca. 50% definitiv nicht tragbar. Hatte neulich ein Gespräch mit einem Bekannten aus GB (haben einen Spitzensteuersatz von ca. 35, wenn man 500000 Euro oder so verdient), der mir das erst gar nicht glauben wollte und dann direkt fragte, wie dann in Deutschland Leute zur Spitzenleistung motiviert werden.
--- Ende Zitat ---
In Schweden ist der Spitzensteuersatz noch höher. Ich bezweifele, ob es eine eindeutige Korrelation zwischen Spitzensteuersatz und Spitzenleistung gibt. Was immer letzteres ist.
--- Zitat ---Deutschland ist Exportweltmeister. Irland ist Europameister im pro-Kopf Export. Irland? Was produzieren die denn? Eigentlich nicht so viel. Ein Fallbeispiel:
Eine Firma produziert Maschinen in Deutschland. Schrauben kauft sie von einer irischen Tochter, den Vertrieb übernimmt eine weitere irische Firma. Die deutsche Mutter kauft ein Kilo Schrauben für 10000 Euro und verkauft die Maschine für 10001 Euro an die Vertriebstochter, die die Machine für 20000 verkauft.
Gewinn in D: 1 Euro - Produktionskosten (=fette Verlustabschreibung) Gewinn in Irland: annähernd 20000 Euro - die dann zu deutlich geringeren Sätzen als in D versteuert werden.
--- Ende Zitat ---
Frage mich wie bedeutsam diese Aktivitäten für Irland sind. Erfolg haben die v.a. durch Dienstleistungsexporte.
--- Zitat --- Nein, ganz bestimmt nicht. Ein Sozialsystem, dass Leute auffängt und wieder aufrichtet ist ganz bestimmt unabdingbar und für die Gesellschaft von höchster Wichtigkeit. Ich bin aber der Meinung, dass das derzeitige Sozialsystem kein Sozialsystem in diesem Sinne ist, sondern ein Umverteilungssystem von fast sozialistischem Ausmaß ist.
--- Ende Zitat ---
Die Versuche des Auffangens kann man nicht verleugnen. Das war ja genau die Idee von ABM und den zahlreichen angebotenen Kursen. Die Qualität der Kurse reichte aber nicht aus. Ich hatte einen Freund aus Uni-Tagen, der in diese Psychomühle geraten ist. Nach 3 Monaten praxistauglich-machung durch einen Kurs war der Mann nicht mehr von dieser Welt und für die Praxis völlig untauglich.
Wenn wir weniger Arbeit / mehr Konsum besteuern, die progressiven Steuersätze abschaffen, die Sozialhilfe kürzen, bleibt für die Armen immer weniger übrig. Man kann sagen, dass die dann lernen, auf einen eigenen Füßen zu stehen oder zu sterben. In wirklich radikalen Reformprozessen wie z.B. in Neuseeland oder Chile war aber Sterben/Selbstmord oder zumindest Mangelernährung eine Option.
--- Zitat ---Ja, nur sollte er sich eben überlegen, was seine Aufgaben sind und vor allem, ob er überall dort wor er zur Zeit ist auch hingehört. Und hier bin ich der Meinung, dass er an Orten agiert, an denen er nichts verloren hat (s.z.B. Holzmann-Beteiligung u.ä.)
--- Ende Zitat ---
oder Krötentunnel.
--- Zitat ---Das ist einfach eine Mischkalkulation. Zuviel Freiheit ist auch nicht gut, klar. Nur wenn ich 10 m mehr Bewegungsspielraum will muss ich hierzulande einfach nach 100 rufen.
--- Ende Zitat ---
Ok. Ich sähe es am liebsten, wenn Frau Merkel im September mit einem klaren Programm kommt.
So Freunde,
das sind die Ziele.
diese Maßnahmen schaffen für Transparenz, dass die Ziele erreicht werden
und direkt sagt, dass es für viele jetzt erstmal nicht lustig wird.
Proteste interessieren uns erst mal nicht.
Wir sind die Regierung und die meisten von euch Loosern kapieren die Zusammenhänge sowieso nicht.
Für mich wäre das eine erfolgversprechende Basis und nicht ständig dieses Konsensgetue.
Axel
tschroeder:
Na, ob Frau Merkel da unbedingt die Patentrezepte hat, dürfte zu bezweifeln sein.
Ich denke das ganze kann nur klappen, wenn die Wirtschaft mitspielt. Wer bezahlt denn letztendlich dich Steuern und die Sozialabgaben. Doch eigendlich die Arbeitnehmer. Währe also sinnig alles dafür zu tun, das die Leute arbeit haben. Das kann aber nicht nur vom Staat kommen.
Hab gerade von einem Bekannten gehört (arbeitet für einen Reifenhersteller) das die am überlegen sind, die Produktion von Polen und Tschechien weiter nach Osten zu verlagern, weil es dort auch zu teuer wird. Die Produkte dieses Herstellers werden in Deutschland allerdings immer noch zu Preisen verkauft, als wenn sie hier hergestellt werden. Gleichzeitig beschwerd sich der Vorstand, daß seine Produkte nicht mehr gekauft werden und kickt mal eben nebenbei knapp 600 bis 800 Leute raus.
Gleichzeitig prüft eine gaaaaanz große Bank, die nur so mit Rekordgewinnmeldungen um sich wirft, wie sie ebenfalls noch mal ein paar hundert Mitarbeiter vor die Tür setzten kann.
Wer soll den die Sozialabgaben/Steuern zahlen, die Empfänger vom AL/AL2 ?
Ich denke mal, solange die Firmen kein interesse haben Leute zu beschäftigen und es nur um den Chairholdervalue (keine Ahnung ob das richtig geschrieben ist) geht wird sich hier nicht viel ändern.
Hier ist sowohl die Politik als auch die Wirtschaft gefragt. Keiner von beiden wird es alleine schaffen.
Gruß Thorsten
Marinero Atlántico:
Das Ziel eines Unternehmens besteht darin Gewinn zu erwirtschaften.
Alles andere ist nachgeordnet.
Unternehmen sind einem Wettbewerb ausgesetzt.
Also müssen sie so agieren wie sie agieren.
Der Beitrag von TSchroeder ist für mich wieder so ein Beispiel für das nebulös-unkonkrete.
Was an konkreter Politik soll bitte aus so Forderungen wie "die Politik und die Wirtschaft sollen gemeinsam"?
Hat die Wirtschaft vielleicht eine Adresse?
Nein. Das ist alles eine riesengroße Illusion.
Wir müssen uns auf gravierend andere Bedingungen globaler Märkte einstellen.
Länder wie Indien, China, Tschechien, Polen, Ungarn, Ukraine, Chile uvam. haben nämlich kapiert, dass ihre Bevölkerungen insgesamt besser fahren, wenn sie sich auf die Kräfte des Marktes einlassen. Vorher haben die nämlich auch immer von so Entwicklung und gemeinsam und Politik und Wirtschaft geredet. Funktioniert hat das nicht.
Gruß Axel
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