Sonstiges > Offtopic

Steuererleichterungen in der Praxis...

(1/11) > >>

dh-paule:

Es waren einmal 10 Männer, die jeden Tag miteinander zum Essen gingen und die Rechnung für alle zusammen betrug jeden Tag genau 100,00 Euro.

Die Gäste zahlten ihre Rechnung wie wir unsere Steuern und das sah ungefähr so aus:
Vier Gäste (die Ärmsten) zahlten nichts.
Der Fünfte zahlte 1 Euro.
Der Sechste 3 Euro.
Der Siebte 7 Euro.
Der Achte 12 Euro.
Der Neunte 18 Euro.
Der Zehnte (der Reichste) zahlte 59 Euro.

Das ging eine ganze Zeitlang gut.
Jeden Tag kamen sie zum Essen und alle waren zufrieden. Bis - der Wirt unruhe in das Arrangement brachte in dem er vorschlug, den Preis für das Essen um 20 Euro zu reduzieren. "Weil Sie alle so gute Gäste sind!" Wie nett von ihm! Jetzt kostete das Essen für die 10 nur noch 80 Euro, aber die Gruppe wollte unbedingt beibehalten so zu bezahlen, wie wir besteuert werden. Dabei änderte sich für die ersten vier nichts, sie aßen weiterhin kostenlos.

Wie sah es aber mit den restlichen sechs aus?
Wie konnten sie die 20 Euro Ersparnis so aufteilen, dass jeder etwas davon hatte?
Die sechs stellten schnell fest, daß 20 Euro geteilt durch sechs Zahler 3,33 Euro ergibt.
Aber wenn sie das von den einzelnen Teilen abziehen würden, bekämen der fünfte und der sechste Gast noch Geld dafür, dass sie überhaupt zum Essen gehen.
Also schlug der Wirt den Gästen vor, dass jeder ungefähr prozentual so viel weniger zahlen sollte wie er insgesamt beisteuere. Er setzte sich also hin und begann das für seine Gäste auszurechnen.

Heraus kam folgendes:
Der Fünfte Gast, ebenso wie die ersten vier, zahlte ab sofort nichts mehr (100% Ersparnis).
Der Sechste zahlte 2 Euro statt 3 Euro (33% Ersparnis). Der Siebte zahlte 5 statt 7 Euro (28% Ersparnis).
Der Achte zahlte 9 statt 12 Euro (25% Ersparnis). Der Neunte zahlte 14 statt 18 Euro (22% Ersparnis).
Und der Zehnte (der Reichste) zahlte 49 statt 59 Euro (16% Ersparnis).
Jeder der sechs kam günstiger weg als vorher und die ersten vier aßen immer noch kostenlos.
Aber als sie vor der Wirtschaft noch mal nachrechneten, war das alles doch nicht so ideal wie sie dachten.
"Ich hab' nur 1 Euro von den 20 Euro bekommen!" sagte der sechste Gast und zeigte auf den zehnten Gast, den Reichen.
"Aber er kriegt 10 Euro!"
"Stimmt!" rief der Fünfte. "Ich hab' nur 1 Euro gespart und er spart sich zehnmal so viel wie ich."
"Wie wahr!!" rief der Siebte. "Warum kriegt er 10 Euro zurück und ich nur 2? Alles kriegen mal wieder die Reichen!"
"Moment mal," riefen da die ersten vier aus einem Munde. "Wir haben überhaupt nicht bekommen. Das System beutet die Ärmsten aus!!"
Und wie aus heiterem Himmel gingen die neun gemeinsam auf den Zehnten los und verprügelten ihn.
Am nächsten Abend tauchte der zehnte Gast nicht zum Essen auf. Also setzten die übrigen 9 sich zusammen und aßen ohne ihn.
Aber als es an der Zeit war die Rechnung zu bezahlen, stellten sie etwas
Außerordentliches fest:
Alle zusammen hatten nicht genügend Geld um auch nur die Hälfte der Rechnung bezahlen zu können! Und wenn sie nicht verhungert sind, wundern sie sich noch heute.

Und so, liebe Kinder, funktioniert unser Steuersystem. Die Menschen, die hier die höchsten Steuern zahlen, haben die größten Vorteile einer Steuererleichterung. Wenn sie aber zu viel zahlen müssen, kann es passieren, dass sie einfach nicht mehr am Tisch erscheinen.
In der Schweiz und in der Karibik gibt es auch ganz tolle Restaurants.

koehlerbv:
Jo, so läuft das. Es stellt sich aber auch die Frage:
Warum können Nummer 1 bis Nummer 4 nichts bezahlen, während Nummer 10 jeden Tag 59 EUR abdrücken kann ?
Was hat Nummer 10 wirklich so besonderes, dass er 59mal soviel bezahlen kann wie Nummer 5 und unendlich so viel wie Nummer 1 bis 4 ? Da stimmt doch auch irgend etwas nicht ...

Hin- und hergerissen,
Bernhard

heini_schwammerl:
Eine wirklich nette Geschichte, könnte von Dieter Hundt sein.
Die Realität ist doch, das er 1990 59 Euro gezahlt hat und heute nur noch 50 Euro.
Gleichzeitig gab es 1990 vielleicht 2 Gäste die gar nichts zahlten und heute 4.
Die Senkung des Spitzensteuersatzes seit 1.01.2004 um immerhin 5% hat leider ausländische Restaurants nicht unattraktiver gemacht (da kämpft Ulla Schmidt um ganz andere Prozentzahlen).
Es gibt in Deutschland in der Tat eine Bevölkerungsschicht die heute mehr bezahlt als noch 1990. Das ist aber nicht Nr. 10 sondern 7,8 und 9.
Bezeichnenderweise möchte aber Nr. 10 gerne in fernen Ländern speisen.
Oskar Ls Irrtum ist, das er meint man könnte Nr. 10 wieder dazu bewegen zukünftig 59 Euro zu zahlen. Das ist aber mindestens genauso falsch wie der Wunsch von der Nr. 10 zukünftig nur noch 40 Euro oder weniger zu zahlen (zumindest nicht solange es die 4 Freiesser gibt).
Das Gefährliche daran ist in der Tat, das Nr. 10 die Freiheit hat das trotzdem zu tun.
Aber sebst wenn es gelingt die 4 Umsonstesser zukünftig am Essen zu beteiligen kann man sich fragen ob es richtig wäre die Mehreinnahmen ausschließlich Nr. 10 zukommen zu lassen.
Nichts destotrotz eine schöne Geschichte.

Marinero Atlántico:
Ich find, menschliche Gesellschaften werden immer ein gewisses Maß an Ungerechtigkeit aufweisen, einfach weil keiner entscheiden kann, was jetzt gerechtfertigtes Gehalt ist.
Viel wichtiger als die Frage, ob sich jetzt einer 3 Extra-Gänge bestellen kann, ist imho das Ding, dass das System so ausgerichtet werden muß, dass auf alle genug Druck ist, dass die sich nicht jeden Abend im Restaurant besaufen können und am Tag dann stumpf rumsitzen. Das passiert ja jedem schon mal. Vielleicht weniger das Besaufen und mehr das stumpf Rumsitzen.
Bzgl. der Gerechtigkeitsdebatte, lehnen die sich doch direkt zurück und sagen: Neid.
Und aus deren Schuhen mag das auch so sein. Ich kenne die Welt aus der Brille von Herrn Schremp nicht. 
Viel besser wäre es, diesen Leuten ihre 3 Extra-Gänge zuzubilligen, sie dann aber auch einer differenzierteren Kritik, weniger Ehrfurcht und mehr Unsicherheit zu unterstellen.
Ich find bedenklich wie in den 80er/90er Jahren Unternehmer langsam aber sicher eine Art Pop-Star Image bekamen, dass sie nun wirklich nicht verdienen und auch nicht ihr Job ist.
Natürlich ist es nicht gerecht, dass die teilweise 1000 mal mehr verdienen als ich. Aber vielleicht geht es gar nicht primär um diese Verteilungsgerechtigkeit. Viel wichtiger ist, dass es Leute gibt, die Risiken auf sich nehmen, um die Welt zu verändern. Natürlich sind nicht alle Manager positive Innovatoren (und vielleicht gerade zur Zeit hierzulande nicht).
Es gibt da schliesslich noch andere Disziplinen wie z.B. die Intrige, Seilschaften und ähnliches letzlich nicht ausrottbares Zeug.
Aber wer will entscheiden, wie viel Extra-Gänge nun ein spezifischer Nr. 10 verdient. Und genau das war aus meiner Sicht der springende Punkt wo Leute wie Popper, Hayek und Isaiah Berlin Diamanten von *the most serious true intelectualism* geschaffen haben.

Axel

Gandhi:
Warum jemand 59 mal mehr bezahlen kann? Frag seinen Arbeitgeber. Der zahlt ihm das schließlich - und ganz ehrlich: Warum sollte jemand ihm vorschreiben, was er mit seinem Geld macht? Wenn die Aktionäre der Meinung sind, Schrempp verdient n Millionen - das ist das deren Problem - nicht das der Gesellschaft.
Ich finde die Frage interessanter, wie sich jemand fühlt, der viel arbeitet, davon gut verdient  und x-mal so viel abgeben muss. Da fühlt man sich schnell verarscht - und spätestens ab dem Spitzensteuersatz verstehe ich jeden, der sein Kapital ins Ausland bringt.

Besonders gut aber an der Geschichte finde ich: Alle zahlen weniger oder sowieso gar nichts  - und dennoch beschweren sich die meisten...Neid ist das größte Übel in der Republik. Weil er das Land lähmt und unproduktiv macht. Weil niemand vom umverteilen leben kann und niemand erwirtschaftet, wenn er mehr als die Hälfte abgeben  muss.
Wann begreift OL, dass man eher weniger arbeitet als >50% Steuern (EStr+Kirchensteuer+Soli) zu zahlen. Der müsste als Physiker ja wohl mal was von Stokes-Reibung gehört haben:
zur Erklärung:
Stokes-Reibung meint die Reibung in Gasen und Flüssigkeiten. Sie ist abhängig von einem Reibungskoeffizienten (Oberflächen der Gegenstände etc.) und dem Quadrat der Geschwindigkeit. Stokes Reibung kennt jeder, der schon mal durchs Wasser gelaufen ist - sagen wir in Brusthöhe. Jeder weiß, dass es kaum schneller geht, wenn man sich mehr anstrengt. Exakt so wirkt das Steuersystem meiner Meinung nach auf den Bürger aus: Er strengt sich nicht weiter an, weil er weiß, dass seine weiteren Bemühungen ohnehin nur vom Staat absorbiert werden.  Wenn sich Leistung nicht lohnt kann man auch nicht erwarten, dass sie erbracht wird.

Aber - die Geschichte ist ja irgendwo vollkommen an der Realität vorbei...schließlich geht es nie darum netto weniger zu zahlen, sondern  darum mehr zu zahlen - das verbittert die Diskussion noch weiter.

Navigation

[0] Themen-Index

[#] Nächste Seite

Zur normalen Ansicht wechseln