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Etwas politisch-historisches, eure Ansicht gefragt

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Don Pasquale:
Hallo Freunde

Ich war ja gerade mal 11 Jahre alt der der verstorbene Papst gewählt wurde und habe da lieber mit Sandburgen gebaut. Und getreu dem Brechtschen(?) Satz Nicht Könige gewinnen Schalchten sondern Soldaten, bin ich der Ansicht dass einzelne Personen selten den Lauf der Geschichte
gestalten.
Es ist unbestritten, dass es die bevölkerung der DDR war, der wir Deutsche die erste gelungene Revolution auf deutschem Boden verdanken. ( Ja, wir Südbadener waren 48 nicht erfolgreich)

Dem verstorbenen Papst wird ein Anteil an der Wiedervereinigung
zugeschrieben. Ist da was dran oder ist das mehr als nett gemeinter Nachruf gemeint ?

Der Papst hat - so habe ich gelesen - die Solidarnosc nicht nur ideell unterstützt sondern auch finanziell, das wusste ich gar nicht.
Das ist wohl der Ausgangspunkt.

Ciao
Don Pasquale

Semeaphoros:
Da ist eindeutig was dran. Ob er Solidarnosc finanziell unterstützt hat oder nicht, weiss ich nicht. Aber alleine die Tatsache, dass der Papst aus Polen kam, hat der dortigen katholischen Kirche enormen Rückhalt gegeben. Auf einen Schlag waren alle "Scheinwerfer" auf dieses Land gerichtet und man hat die katholische Kirche dort international scharf beobachtet. Keine Chance mehr, für den Staatsapparat, diese mit den "revolutionierenden" Werftarbeitern kooperierende Organisation in grösserem Massstab auszuschalten oder zu neutralisieren. Da hat Woytila schon vor seiner Wahl zum Papst tatkräftig mitgeholfen. Anders gesagt. er war tatsächlich schon seit eh und jeh sehr engagiert und aktiv. Ich vermute mal sogar, dass sein Papsttum ihm mehr Ruhe gegeben hat als vorher.

Don Pasquale:
Gut,
aber das Kriegsrecht - welches scheinbar verhängt wurde um einen Einmarsch der Sowjtarmee zu verhindern - hat doch dem freiheitlichen Gedanken einen Dämpfer versetzt.

Wie sprang der "Gedanke der Freiheit"  oder der Funke der Revolution nun ins Nachbarland und dass mit zehnjähriger Verspätung ?

Ciao
Don Pasquale

Semeaphoros:
Hm, jetzt gehst Du recht in die Tiefe der Historie ..... Rudi Knegt würde jetzt sagen: "Gute Frage! Nächste Frage?"......  ;D


Nur soviel: da kommt man auf Deinen Ausgangsgedanken, dass Einzelpersonen die Geschichte nicht wirklich beeinflussen (sondern quasi von der Geschichte als "Werkzeuge" benutzt werden) zurück: Dass es so lange gedauert hat, deutet an, dass es einen Prozess gebraucht hat. Dieser Prozess ist eigentlich schon alt. Das Sowjetsystem ist ein System gewesen, das stark auf Kontrolle bis hinunter zum Individuum funktioniert hat. Ein Teil an der Entwicklung haben die Fortschritte der Technik, in diesem Falle der Kommunikationstechniken gebracht. Da gab es dann plötzlich eine Unmenge  an freien, in einem gewissen Sinne "wilden" Kommunikationsmöglichkeiten, die diese Kontrollierbarkeit massiv untergraben hat. Das hat dann das Ueberschwappen ganz stark unterstützt, der Staat sah sich plötzlich einer Masse an informierten "Untertanen" gegenüber. Ich weiss nicht mehr, von wem ich diese These habe, aber es ist ein enorm interessanter Gedankengang. Natürlich hat sich das unterdessen schon wieder etwas geändert, man denke da an Ueberwachungsmöglichkeiten für den Mailverkehr usw., da hat sich die Technik wohl wieder ein wenig zugunsten der Kontrollmöglichkeiten entwickelt. Eines ist jedoch immer noch der Fall: Die schiere Datenmenge verhindert nach wie vor eine wirklich flächendeckende Kontrolle.

Zurück zum Papst: Ich nehme mal an - weiss es aber nicht wirklich - dass die Signalwirkung, die die Wahl in Polen innenpolitisch gehabt hat, auch auf die anderen Ostblockstaaten gewirkt hat. Ich bin eigentlich überzeugt, dass der Papst später seine Unterstützung auch auf andere Länder des Ostblockes aktiv ausgedehnt hat. Darüber hinaus hat das Signal natürlich nicht nur in Polen gewirkt: die katholische Kirche im Osten hatte einen Vertreter aus dem Osten an der Spitze, der die Verhältnisse von innen her kannte und damit mit diesem System umzugehen wusste, das war vorher nicht der Fall. Und so konnte man ihn nicht mehr so sehr "an der Nase herumführen". Kam dazu, dass dadurch natürlich auch das Weltinteresse auf die Kirchen im Osten gerichtet war.

Zeigt übrigens sehr schön, dass eine Papstwahl durchaus eine grosse, politische Komponente aufweisen kann. Ohne diese Konstellation wäre es wahrscheinlich damals kaum möglich gewesen, einen nicht-Italiener (er ist der erste "ausländische" Papst seit langem, wenn nicht sogar überhaupt gewesen) zu wählen. Bei der anstehenden Wahl hat sich das offenbar schon gänzlich geändert, wenn man so sieht, wer alles als Favoriten gehandelt wird. Ein ähnlich politisches Signal - wenn auch nicht so heftig - würde wohl gesetzt werden, wenn der nächste Papst aus Afrika käme.

dh-paule:
mmmh dann versuch ich mich mal mit meinem laienhaften Geschichtsverständnis....

Wie heisst es doch so schön in der aktuellen Werbung einer grossen deutschen Bank "Erfolg ist die Summe richtiger Entscheidungen"

Genauso sehe ich das mit der Wende bei uns. Die Wende war nur möglich aufgrund der Summe vorangegangener Ereignisse....

Hätte Ungarn die Grenzen nicht aufgemacht, wäre die Flucht über die Botschaften nicht möglich gewesen etc... hätte das direkte Ventil für die Bevölkerung im Osten gefehlt. Erst durch diese Möglichkeiten dem Staat den Rücken zu kehren traute sich ein Grossteil der Bevölkerung an den Montagsdemos, am "Widerstand" teilzunehmen.

Und ich bin ehrlich, auch ich wäre nie das Wagnis eingegangen an staatskritischen Veranstaltungen (montagsdemo, neues forum etc) wenn es nicht die Möglichkeit gegeben hätte den zu erwartenden Represalien seitens der Stasi zu entgehen, und sei es eben durch Flucht.

Die Flüchtenden haben denen die dageblieben sind das Gefühl vermittelt, hey hier passiert was, wir müssen etwas tun... die Folge war die friedliche Revolution in deren Anfängen wir sicherlich gaaaanz andere Ziele hatten als die Wiedervereinigung (Übernahme durch die BRD)

Was hat nun der Papst damit zu tun ?

Er hat in einer ersten kristischen Phase des Ostblocks die Augen der Welt auf das revoltierende Polen gelenkt, somit war ein Einmarsch der Russen wie in Prag mit dem Risiko der aufmerksamen Weltöffentlichkeit schwieriger geworden.  Er hat vielleicht einen ersten kleinen Stein zum Rollen gebracht....

Einen viel viel grösseren Anteil hat in meinen Augen M.Gorbatschow mit  "seiner" Perestroika.

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