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Mein Zitat des Tages

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Marinero Atlántico:
wieso Satire?
Wenn weiter jede Reform in einem handwerklichen Desaster endet, halte ich das für eine Option.
Wenn unter der Merkel-Regierung sich ebenfalls keine Zukunftsperspektive für weite Bevölkerungsschichten öffnet, stehen uns spannende Zeiten bevor.
Bin zwar kein Demokratie-Freak, halte das aber für die beste Regierungsform. Wenn aber weiter so schnöselig damit umgegangen wird, nicht unbedingt.

Thomas Schulte:
Spannend ist gar kein Ausdruck. Wenn in einer bayerischen Hauptschule in einer Stadt wie Bamberg in den diesjährigen Abschlussklassen von 96 Schülern gerade einmal 28 einen Ausbildungsvertrag haben und der Rest bis zu 80 Bewerbungen verschickt hat auf die nur Absagen gekommen sind, dann kannst du dir ungefähr ausrechnen wo das hinläuft. Wir (die Gesellschaft) desozialisieren gerade eine ganze Generation. Ich freu mich schon darauf wenn dann Jugendbanden im Regierungsbezirk von Berlin marodieren.

Gandhi:
Interessant. Da wird Staat an allen Orten aufgebaut - nur im Bereich Ausbildung nicht.
Meines Wissens ist etwas wie die deusche Lehre im Ausland weitgehend unbekannt. Da gibt es Colleges für quasi alle Berufe - eben auch für Krankenschwestern, Köche etc.

Wenn die Industrie keine Ausbildung mehr leisten kann oder will - dann muss es eben der Staat tun. Die Folgen des Nichtstun sind jedenfalls - wie schon gesagt - fatal. Wenn einer Generation keine Chancen für die Zukunft eingeräumt werden, bin ich doch ganz froh nicht ganz abhängig vom Standort Deutschland zu sein.

Das Verständnis von Ausbildung hat sich schon ein paar mal gewendet. Zunächst musste mal Lehrgeld bezahlt werden, zwischenzeitlich wurde  und wird mehr oder weniger viel Geld dafür bezahlt sich ausbilden zu lassen - scheinbar läuft das jetzt bald wieder auf Lehrgeld hinaus.

Würde mich ja mal interessieren, was die Unternehmen sagen, die nicht mehr ausbilden. Vermutlich, dass es ihnen so schlecht geht, dass sie es sich nicht mehr leisten können. Das sie so wenig Sicherheit in der Zukunft für sich selbst sehen, dass es aus ihrer Sicht keinen Sinn macht. Dass die Lehrlinge, die sie bekommen zu ungebildet sind und somit nicht für die weitere 'Verwendung' taugen.

Da waren sie wieder die 3 Probleme Deutschlands.

Thomas Schulte:

--- Zitat von: Gandhi am 15.06.05 - 09:13:13 ---etwas wie die deusche Lehre im Ausland weitgehend unbekannt

--- Ende Zitat ---
Das stimmt so nicht ganz. Die Art der Dualen Ausbildung wie sie bei uns praktiziert wird ist weitgehend unbekannt. Eine Lehre gibt es aber auch in anderen Ländern nur ist sie dort nicht immer so klar definiert. Diese Form der Facharbeiter Ausbildung in Deutschland ist übrigens ein Grund dafür warum es immer noch Firmen gibt die tatsächlich auf den Standort Deutschland setzen. Siehe hier. Und warum "Made in Gernamy" weltweit immer noch einen sehr guten Ruf hat.


--- Zitat von: Gandhi am 15.06.05 - 09:13:13 ---Wenn die Industrie keine Ausbildung mehr leisten kann oder will - dann muss es eben der Staat tun.

--- Ende Zitat ---
Tut er doch. Sogar ganz massiv, nur nützt in diesem Fall der Ruf nach dem Staat nichts, denn wenn diese "Kinder" dann aus den M-Klassen, dem Förderjahr, der nicht Betrieblichen Ausbildung (Wie das heist muss ich glatt noch einmal nachschauen) rauskommen hat sich, außer das sie bis zu drei Jahre älter sind, nichts an ihrer Situation geändert. Im Gegenteil die Wut die sich da aufstaut, weil sie kein Geld haben um sich in unserer tollen Konsumwelt die verlockenden Angebote leisten zu können, ist um einiges gestiegen.


--- Zitat von: Gandhi am 15.06.05 - 09:13:13 ---scheinbar läuft das jetzt bald wieder auf Lehrgeld hinaus.

--- Ende Zitat ---
Da haben sich Unternehmen die jetzt darauf spekulieren wollen würden aber gewaltig geschnitten. 
Fakt ist, und das hat ein renommierter Wirtschaftwissenschaftler erst vor kurzen in einem stinklangweiligen (Reden kann der Mann wirklich nicht aber logisch denken) Vortrag, der auf BR-Alpha gesendet wurde, aufgezeigt, das ALLE Unternehmen in Deutschland in den nächsten fünfzehn Jahren in einen erheblich verschärften Wettbewerb um entsprechend ausgebildete Facharbeiter treten werden. Das liegt einfach an der Demographischen Entwicklung und ist durch keine wie auch immer geartete Maßnahme aufzuhalten.
Das heist konkret, das ähnlich wie von 1998 - 2000 in der IT Branche, wohl Kopfprämien gezahlt werden nur damit überhaupt noch jemand für eine Firma arbeitet, oder damit jemand überredet wird zu einer anderen Firma zu wechseln. Da es aber dann mangels Ausbildung durch eben diese Unternehmen keine Facharbeiter mehr geben wird, kann sich jeder vorstellen was das heist.


--- Zitat von: Gandhi am 15.06.05 - 09:13:13 ---Würde mich ja mal interessieren, was die Unternehmen sagen, die nicht mehr ausbilden. Vermutlich, dass es ihnen so schlecht geht, dass sie es sich nicht mehr leisten können. Das sie so wenig Sicherheit in der Zukunft für sich selbst sehen, dass es aus ihrer Sicht keinen Sinn macht. Dass die Lehrlinge, die sie bekommen zu ungebildet sind und somit nicht für die weitere 'Verwendung' taugen.

--- Ende Zitat ---
Das ist in der Tat mittlerweile ein Selektionskriterium. So gibt es zum Beispiel heute bereits Anzeigen in denen Auszubildende für Jobs gesucht werden die früher klassische Bereiche für Hauptschüler waren, z.B. KFZ-Mechaniker, in denen ganz klar die M-Klassen Abschlüsse (so eine Art Mittlere Reife der Hauptschule) und der Quali als Nichteinstellungsfaktor genannt werden. nur werden sich genau diese Unternehmen in näherer Zukunft in den Allerwertesten beissen, wenn keine Leute mit den entsprechenden Qualifikationen zur Verfügung stehen. Dumm nur das man die Personen die heute für diese Entscheidungen verantwortlich sind dann nicht belangen kann.

Auch wenn Axel jetzt wieder mit seiner Neokapitalistischen Sicht kommt. Es fehlt ganz einfach am "gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein" weiter Teile unserer Großindustrie. Da liegt unter anderem der Hase auch im Pfeffer und nicht nur bei einer verkorksten und verfehlten Sozialpolitik der letzten 30 Jahre (sowohl von den SCHWARZEN als auch von den ROTEN), oder bei den Gewerkschaften die mit ihrer Forderung nach Teilhabe der Arbeitnehmer an den Gewinnen die sie mit erwirtschaften in den 70'er und 80'er Jahren einige Male weit über das Ziel hinausgeschossen sind.

Marinero Atlántico:
@Thomas Schulte: Neokapitalistisch? Heisst das nicht Neoliberal? Neokapitalistisch lehne ich ab, weil ich Kapitalist als despektierlichen Begriff ansehe und ausserdem lebe ich persönlich von dem in ziemlich starken Dosen eingesetzten Produktionsfaktor Arbeit, den ich auch ständig durch Weiterbildung pflege.
Neoliberalismus verstehe ich als Begriff nicht. Was hat neo mit in der Praxis gut erprobten Theorien zu tun, die 250 Jahre alt sind?

Und bitte "soziale Verantwortung der Großindustrie"? Der globale Wettbewerb ist für diese Unternehmen echt sehr real. Die müssen selber kämpfen. Momentan sind eben die Kapitalrenditen aller globalen Unternehmen höher als früher, eben weil plötzlich wesentlich mehr weltmarktfähige Arbeitskraft zur Verfügung steht, während sich Kapital langsam akkumuliert.
Es hört sich vielleicht auf dem ersten Blick toll an von wegen neben Gewinn eben noch soziale Verantwortung. Meiner Meinung nach funktioniert aber so die Wirtschaft nicht. Das ist gar nicht ihre Aufgabe. Sie bilden dann Leute aus, wenn sie davon ausgehen, dass die Leute mit diesem Wissen einen Nutzen stiften, der höher ist als die Ausbildungskosten. Wenn sie Leute einfach so aus Freundlichkeit ausbilden, produzieren sie vielleicht zukünftige Arbeitslose.
Die Ergebnisse von Wirtschaftswissenschaftliche Ex ante Studien (Facharbeitermangel in 5 Jahren) treten übrigens in der Realität nicht unbedingt ein. Es gibt immer zu viele Faktoren, die den Verlauf der Wirtschaft bestimmen als das diese Ergebnisse wirklich zuverlässig sind. Schön wärs ja.

In der Fakultät, wo ich ausgebildet wurde, hiess es übrigens: "Solidarprinzip? Das ist wenn die warme Hand des einen in die Tasche des anderen greift." Find ich übrigens auch ein bischen extrem.

 

--- Zitat von: Gandhi am 15.06.05 - 09:13:13 ---Wenn die Industrie keine Ausbildung mehr leisten kann oder will - dann muss es eben der Staat tun.

--- Ende Zitat ---
Haben sie doch getan. ABM-Stellen und das war in vielen Bereichen nicht sehr konstruktiv in Hinblick auf Eingliederung in den realen Arbeitsmarkt.
Nur "der" Wirtschaft etwas vorzuwerfen leuchtet mir nicht ein. "Die" Wirtschaft sind ja eine Menge an autonomen Einheiten, die eher konkurrieren als zusammenarbeiten.

Nur immer zu lamentieren, rumdiskutieren und die Probleme benennen bringt eben nix. Es ist Zeit für konkrete Vorschläge. Und die können im Zweifel auch relativ radikal sein.

Deutsche Manager bekommen sind ja zur Zeit im Ausland auch nicht besonders angesehen. Einzelne Leute auf Javaranch, die in Deutschland als Ausländer gearbeitet waren, äußerten sich auch des öfteren stark enttäuscht.
Hauptkritikpunkt: Schnöseltum und Machtgehabe
Das deckt sich mit meinen Erfahrungen mit sicher nicht allen, aber schon einigen Organisationen hier.
Ich hatte zeitweilig das Gefühl, dass die Krise mehr machtorientierte, kompetenzbefreite und simplifizierende Formeln-which-does-not-work verkündende Typen im Management gefördert hat. Aber mittelfristig wohl doch nicht.

Was ich erschreckend finde, ist der Gleichmut mit dem hingenommen wird, dass "sowieso nichts klappt". Das ist nämlich nicht hingenommen. Wenn etwas nicht funktioniert, muß man das eben ständig verbessern und zur Not auch erstmal ein bischen radikal erscheinende Wege gehen. Länder wie Schweden, Dänemark, Japan und die USA schaffen es ja auch irgendwie. Dieses Achselzucken und Lachen find ich jedenfalls völlig fehl am Platz.

Man muß sich auch davon verabschieden, dass jede Maßnahme "gerecht" sein muß. Z.B. hat Ehrhardts Währungsreform massivst Sparguthaben von kleinen Leuten zerstört und bestimmte halbseidende Gestalten konnten in der Zeit in sehr kurzer Zeit ein gewaltiges Vermögen machen.
Wir müssen uns davon verabschieden, zu glauben, dass wir mit diskutieren den perfekten Weg finden. Wirtschaftspolitik ist eben auch ein Entdeckungsverfahren, in dem sowieso immer ständig Fehler gemacht werden.

Axel

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